Führung beginnt im Körper
Warum Präsenz, Stimme und Pausen über Glaubwürdigkeit und Wirkung entscheiden
Wirkung ist kein Bauchgefühl - sie entsteht im Körper
Was macht eine Person zu einer Führungspersönlichkeit – noch bevor sie ein Wort gesagt hat?
Manche Menschen betreten einen Raum, und etwas ordnet sich. Die Stimmung, die Aufmerksamkeit, der Fokus. Nicht laut, nicht dominant, und dennoch spürbar. Schauspieler:innen kennen dieses Phänomen, denn sie arbeiten aufmerksam mit Präsenz, Körper, Stimme und innerer Haltung.
Andine bringt als ausgebildete Schauspielerin mit 20 Jahren Bühnenerfahrung diese besondere Perspektive mit, die man in der Literatur häufig unter dem Begriff Embodiment findet.
Was können Führungskräfte also von Schauspieler:innen lernen, wenn es um das sprichwörtliche Verkörpern von Führung geht? Darüber unterhalte ich mich heute mit Andine Pfrepper.
In einem gemeinsamen Pitch-Training sagte einer der Coaches zu dir: „Es ist immer so schön, wenn du dabei bist, Andine, weil du die Dinge komplett anders anschaust als wir.“ Das klang nach einem ganz anderen Erfahrungsraum. Passiert dir das häufiger, dass Menschen sagen, du blickst anders auf Situationen?
Ja, sehr häufig. Natürlich hängt das vom Umfeld ab. Wenn ich nicht gerade im Theater arbeite, bewege ich mich meist in Kontexten, in denen Menschen anders geprägt sind als ich: andere Ausbildung, andere berufliche Sozialisation. Das erlebe ich beruflich, aber auch privat.
Was eine große Rolle spielt: Als Schauspielerin lernt man zuallererst nicht, auf die Bühne zu gehen und „zu machen“, sondern zu beobachten. Beobachtung ist die Basis von allem, egal ob ich eine Rolle entwickle oder mit jemandem im Coaching arbeite.
In meiner Führungs- und Beratungslaufbahn war es eher umgekehrt: Von Führungskräften wird erwartet, Antworten zu haben. Und Antworten geben heißt oft, wenig beobachten zu können. Kunden wollten oft wissen: „Wie lange dauert so ein Projekt – aus Ihrer Erfahrung?“ Da stellt man selten noch 20 klärende Fragen, obwohl sie eigentlich notwendig wären. Du arbeitest genau andersherum. Wenn du beobachtest, zum Beispiel in einem Pitch Training oder bei Bühnenpräsenz – worauf schaust du zuerst?
Natürlich werde auch ich gefragt: „Aus deiner Erfahrung, wie lange dauert es, das zu lernen?“ oder „Was ist das häufigste Problem?“ Aber ich werde dafür engagiert, etwas zu verändern. Und damit ich etwas verändern kann, muss ich zuerst verstehen, was gerade da ist – wo Stärken und Potenziale meiner Klient:innen sind.
Konkret zu deiner Frage, worauf ich bei Bühnenpräsenz-Trainings schaue: Zuerst auf den Körper: Haltung und Körpersprache gehören für mich zusammen. Wie steht jemand in seinem Körper? Wie ist der Spannungszustand? Was sagt mir das über Stress, Präsenz, Selbstkontakt?
Dann auf die Atmung. Atmung ist die Grundlage des Lebens, ohne sie kollabieren wir. Gleichzeitig ist sie ein zentrales Werkzeug, um das Nervensystem zu regulieren und die Stimme mit dem Körper zu verbinden.
Und schließlich auf die Stimme selbst: Klingt sie frei oder gepresst? Gibt es eine Trennung zwischen Stimme und Körper – oder kommuniziert die Person intuitiv aus einer geerdeten, verbundenen Haltung heraus?
Es gibt klare Muster. Manche Menschen sind tief mit sich selbst verbunden, ihre Smme klingt voll und getragen. Andere sind von sich abgekoppelt, und die Stimme wird gepresst, höher, angespannter. Und je nachdem, wie die Stimme klingt, machen wir uns ein Bild von einem Menschen.
Aus diesen Parametern entsteht Wirkung und daraus leite ich ab, wo Veränderung möglich ist.
Wir alle nehmen Wirkung wahr aber du weißt, wie sie entsteht. Wie bist du vom klassischen Schauspiel ins Business-Coaching gekommen?
Bevor ich das beantworte, ein Gedanke zur Wirkung: Wirkung ist nichts Subjektives, das ich mir ausdenke. Andere nehmen sie genauso wahr, beschreiben sie nur oft geschmacklich oder intuitiv. Ich versuche, Wirkung so zu beschreiben, dass sie veränderbar wird. Warum wirkt jemand authentisch? Glaubwürdig? Was passiert im Körper, im Atem, in der Stimme, in der Sprechweise?
Ich liebe sowohl das Spielen als auch die Unabhängigkeit. Im Theater verkörpert man Freiheit, arbeitet aber oft unter sehr fremdbestimmten Bedingungen. Das hat früh in mir den Wunsch geweckt, selbstbestimmter zu arbeiten. Schon während der Schauspielausbildung habe ich mich für Coaching, Stimme, Kommunikation interessiert. Ich hatte selbst Stimmprobleme, habe viel gelernt bei unterschiedlichen Expert:innen, einen Master in Kommunikation gemacht, Yoga unterrichtet.
Irgendwann habe ich all das zusammengeführt. Heute arbeite ich mit Gründer:innen, Führungspersönlichkeiten, Unternehmer:innen und übertrage mein Schauspielhandwerk auf Business-Auftritte. Meine Klient:innen haben Verantwortung und ihre Botschaften Bedeutung. Sie wollen gehört werden, etwas verändern und einen Eindruck hinterlassen.
Sinnstiftendes Arbeiten ist mir wichtig. Ich habe außerdem starke Frauenrollen gespielt, etwa Elisabeth I. von England. Diese Figuren sind historisch, ihre Themen aber hochaktuell.
Welche Themen von Elisabeth sind heute noch relevant?
Der Vorwurf der Emotionalität. Frauen wird oft unterstellt, sie seien emotional und damit weniger urteilsfähig.
Elisabeth musste nahbar sein, ohne an Autorität zu verlieren. Sie durfte nicht „zu viel“ Gefühl zeigen, um ernst genommen zu werden.
Dieser Balanceakt zwischen Nähe und Klarheit, Menschlichkeit und Führung ist bis heute aktuell.
Du coachst Menschen in ihrer Bühnenpräsenz im Business Kontext. Siehst du Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf der Bühne?
Leider ja, mit Ausnahmen.
Frauen sind oft extrem gut vorbereitet und verunsichert, wenn sie es nicht sind. Männer bereiten sich weniger perfektionistisch vor und bleiben dadurch flexibler. Beides hat Vor- und Nachteile.
Introvertierte Menschen hingegen, unabhängig vom Geschlecht, teilen oft ähnliche Herausforderungen: Energie, Sichtbarkeit, Networking.
Allen helfen verkörperte Techniken, die unabhängig von der Tagesform funktionieren.
Was ist für dich ein absolutes No-Go auf der Bühne?
Loszusprechen, bevor man angekommen ist.
Bühne braucht Ankommen – für die präsentierende Person und für das Publikum.
Ein paar Sekunden Stille, Blickkontakt, Atmung.
Schweigen können und trotzdem gesehen werden – das ist eine große Führungsqualität. Und dann bewusst beginnen zu sprechen – ohne Füllwörter wie „Ja, also, ähm.“
Was sind die Grundlagen für eine gute Bühnenpräsenz, die immer funktionieren?
Körper. Atem. Stimme. Und dann: auf Punkte sprechen. Sätze beenden. Pausen zulassen, denn Pausen schaffen Kontakt. Pausen schaffen Zeit für Verarbeitung, Lebendigkeit, Führung.
Führung ist kein Bulldozer, Führung ist ein Anker.
Gerade erleben wir viel Bulldozer-Kommunikation. Warum bist du trotzdem zuversichtlich?
Veränderung beginnt im eigenen Wirkungskreis. Die Antwort auf "Bulldozer-Kommunikation" ist für mich nicht mehr Lautstärke, sondern Klarheit, Haltung und Dialog. Kommunikation hat mit Werten zu tun. Mit Präsenz. Mit Handeln durch Sprache.
Wenn wir darin bei uns bleiben, entsteht Anziehung.
