In Krisenzeiten in Menschen investieren
Denn es sind die gemeinsam geschriebenen Geschichten, die uns vereinen
Man kann nicht immer nur Feuer machen.
Gute Führung lebt nicht nur von klaren Strukturen, sondern vor allem von echten Begegnungen. Gerade in einer Zeit, in der Zusammenarbeit immer digitaler wird, gewinnen regelmäßige persönliche Zusammenkünfte wieder an besonderer Bedeutung.
Im folgendem Interview spreche ich mit Rainer Wittwen, dem CEO der cbs Corporate Business Solutions Unternehmensberatung GmbH darüber, warum diese Form des gemeinsamen Geschichtenschreibens eine Führungsqualität ist.
Ihr habt knapp 1.000 Mitarbeitende zu eurem 30-jährigen Jubiläum nach Mallorca eingeladen – ein enormes Investment. Warum entscheidet ihr euch bewusst für diesen Aufwand?
Solche Zusammenkünfte haben bei uns Tradition. Wir sind überzeugt: Eine Organisation braucht neben dem Alltag auch außergewöhnliche Höhepunkte, die verbinden. Bereits zum 10- und 20-jährigen Jubiläum sind wir mit vielen Mitarbeitenden zusammengekommen – und genau dieser Geist trägt bis heute. Das 30-jährige Jubiläum war für uns ein besonderer Moment, den wir diesmal nicht nur intern, sondern auch mit Kunden und Partnern feiern wollten. Rund 1.000 Mitarbeitende aus Europa kamen zusammen, ergänzt durch eigene Summits unserer Teams in Asien und Amerika.
Der Kern der Idee ist jedes Jahr gleich: Austausch ermöglichen, Zufälle produzieren, Nähe schaffen. Fachlich geschieht das in unseren „Practices“, einer Art interner Fachkonferenz mit strategischem Ausblick, interaktiven Formaten, Feedbackschleifen und gemeinsamem Nachdenken über die Zukunft. Aber mindestens genauso wichtig sind die persönlichen Begegnungen jenseits der Inhalte.
Am Jubiläumsabend wurde diese Wirkung besonders sichtbar: Der Rückblick auf 30 Jahre Unternehmensgeschichte, die sehr persönlichen Worte des Gründers, die spürbare Emotion im Raum – all das hat gezeigt, wie stark diese Organisation über Beziehungen zusammengewachsen ist. Die Freude, die Gespräche, das gemeinsame Feiern: Das schafft Verbundenheit, die man nicht verordnen kann. Auch die „ungeplanten“ Momente sind entscheidend – das Warten auf den Bus, das gemeinsame Wandern, das verschwitzte Ankommen am Gipfel. Genau dort entsteht echte Nahbarkeit. Hier ist niemand abstrakter CEO, sondern einfach Mensch unter Menschen.
Selbst das bewusste Teilen von Zimmern – aus Kostengründen, aber auch als soziale Erfahrung – hat Nähe und neue Beziehungen geschaffen. Natürlich ist der organisatorische Aufwand enorm und die Planung dauert mehr als ein Jahr. Aber genau hier zeigt sich, dass sich diese Investition lohnt: Die Offenheit im Miteinander wächst, das Vertrauen vertieft sich, neue Ideen entstehen. Unsere Kultur – geprägt von Direktheit, Fehleroffenheit, Verlässlichkeit und gegenseitigem Respekt – lebt genau von diesen Erlebnissen. Diese „Power of Orange“, wie wir es nennen, ist der Kleber unserer Organisation.
Sind diese bewusst herbeigeführten Momente der Menschlichkeit – fernab von Rollen und Funktionen – ein zentraler Teil dessen, was eure Unternehmenskultur und die 'Power of Orange' ausmacht? Also dieses kontinuierliche 'Geschichten-Schreiben', an das man sich später erinnert?
Ja, absolut. Genau darin liegt ein wesentlicher Kern unserer Kultur.
Diese besonderen Momente entstehen nicht nur bei großen Jubiläen, sondern auch im Kleinen: beim gemeinsamen Grillen auf dem Weihnachtsmarkt im Innenhof, beim Auf- und Abbauen nach Veranstaltungen oder wenn spontan alle mit anpacken. Das sind Situationen, in denen Hierarchien in den Hintergrund treten und man sich ganz selbstverständlich als Mensch begegnet. Diese bewusst provozierte Menschlichkeit wirkt weit über den Moment hinaus.
Sie schafft Vertrauen, das dann gerade in anspruchsvollen Projektsituationen trägt – wenn es schnell gehen muss, wenn man aufeinander angewiesen ist und Unterstützung braucht. Neue Mitarbeitende spüren diese Kultur sehr schnell und werden regelrecht „hineingezogen“ in dieses Miteinander aus Geben und Nehmen.
Du kannst als Führungspersönlichkeit längst nicht mehr überall selbst wirken. Wie stellst du sicher, dass deine Werte und Prinzipien dennoch über andere Führungskräfte im Alltag ankommen – ohne dass dabei bloße 'Kopien' von dir entstehen?
Viele unserer heutigen Führungskräfte sind schon lange Teil der Organisation und haben diesen Spirit gemeinsam mitentwickelt. Sie sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, teilen aber ein klares gemeinsames Verständnis davon, wie Zusammenarbeit bei uns funktionieren soll. Diese gewachsene kulturelle Basis trägt viel von selbst.
Mit dem Wachstum kommen neue Führungskräfte hinzu – hier kombinieren wir Systematik mit klarer Haltung. Wir nutzen wissenschaftlich fundierte Potenzialanalysen, achten aber vor allem auf soziale Kompetenz, Werte und Haltung. In den finalen Gesprächen wird sehr offen vermittelt, wofür wir stehen – und dass fachliche Exzellenz allein nicht reicht, wenn die menschliche Passung nicht stimmt. Kultur wird bei uns nicht kopiert, sondern vor allem vorgelebt.
Durch bewusste Auswahl, klare Prinzipien und tägliches Beispiel stellen wir sicher, dass unsere Werte authentisch weitergetragen werden.
Wie geht ihr mit Konflikten um?
Wir versuchen, Konflikte direkt, offen und frühzeitig anzusprechen. Themen werden nicht aufgeschoben, denn sie werden mit der Zeit selten kleiner – sie werden meist nur komplexer. Uns ist wichtig, Erwartungen klar zu benennen, unterschiedliche Sichtweisen offen übereinanderzulegen und miteinander zu sprechen statt übereinander. Der Ton macht dabei den Unterschied: Kritik soll klärend, respektvoll und konstruktiv sein.
Um diese Feedbackkultur zu stärken, haben wir früh formale Mechanismen eingeführt – etwa regelmäßiges Feedback bis hin zu 360-Grad-Formaten. Das Ziel ist aber immer, dass offenes Feedback im Alltag selbstverständlich wird. Neue Mitarbeitende bekommen diese Haltung von Anfang an vermittelt: Jedes Thema darf und soll angesprochen werden – transparent, respektvoll und lösungsorientiert.
Es gibt auch Situationen, in denen sich Wege trennen, weil Zielrichtungen nicht mehr zusammenpassen. Das verstehen wir nicht als persönliches Scheitern, sondern als unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft. Entscheidend ist, auch solche Entscheidungen offen, fair und begründet zu treffen.
Wie geht ihr mit unbequemen Veränderungen um? Wie strukturelle Änderungen zum Beispiel?
Da setzen wir bewusst auf Erklären statt Verordnen. Auch wenn das manchmal unangenehm ist: Klarheit, Transparenz und das sichtbare Ringen um gute Lösungen schaffen Akzeptanz und Vertrauen. Damit diese Haltung nicht zufällig entsteht, arbeiten wir auch in den Führungsrunden gezielt mit konkreten Fällen aus dem Alltag. Anhand realer Konfliktsituationen wird regelmäßig gemeinsam reflektiert, was „Power of Orange“ im Handeln wirklich bedeutet. So bleibt unser Umgang mit Konflikten nicht reaktiv, sondern wird aktiv und bewusst gestaltet.
Was tust du für dich selbst, um bei der hohen Taktung und deinem eigenen Anspruch in deiner Energie zu bleiben?
Mir hilft vor allem Routine. Ich starte jeden Morgen mit einer kurzen Sporteinheit – eine Mischung aus Yoga und Physiotherapie. Das ist mein fester Anker, um bei mir anzukommen, selbst an sehr frühen Reisetagen. Diese Morgenroutine gibt mir Stabilität und Fokus. Sonntag morgens habe ich eine Runde Joggen vor dem Frühstück als absolute Ruhe für mich ganz alleine etabliert.
Gleichzeitig habe ich für mich akzeptiert, dass ich nicht mit allen Menschen ständig tief im Austausch sein kann. Stattdessen schöpfe ich Energie aus kleinen, echten Begegnungen im Alltag: ein Lächeln auf dem Gang, ein kurzer Gruß, ein Nicken – das sind Kleinigkeiten, die mir und anderen guttun, ohne dass daraus immer ein langes Gespräch entstehen muss.
Zusätzlich nutzen wir bewusst Formate für zufällige Begegnungen, wie virtuelle Coffee-Dates per Zufallsprinzip. So komme ich regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch, die ich sonst nie treffen würde. Diese Vielfalt, die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Wege, inspirieren mich sehr.
Kann man also sagen, dass du deine Energie vor allem aus echten menschlichen Begegnungen ziehst?
Ja, ganz klar. Echte Begegnungen sind mein größter Energielieferant.
Auch in inhaltlichen Diskussionen entsteht durch das Zusammenspiel von Gedanken neue Dynamik – ein Gedanke führt zum nächsten, man kommt gemeinsam weiter. Das gibt mir unglaublich viel zurück und macht die hohe Intensität der Arbeit überhaupt erst tragfähig. Reine Terminabfolgen ohne echten Austausch können natürlich ermüden. Aber überall dort, wo echte Interaktion entsteht, wo Bewegung in Gedanken kommt, wo man gemeinsam etwas entwickelt – genau da entsteht für mich Energie.
Auf eine letzte Frage, Rainer. Warum lohnt es sich aus deiner persönlichen Sicht gerade in der aktuellen weltpolitischen und gesellschaftlichen Lage, zuversichtlich zu bleiben?
Zuversicht ist für mich eine Grundhaltung – und auch eine bewusste Entscheidung. Ich versuche, den Blick weniger auf Schuld oder Vergangenes zu richten, sondern auf Ursachen und vor allem auf Chancen.
Besonders viel Zuversicht schöpfe ich aus der jungen Generation. Entgegen aller Klischees erlebe ich unglaublich engagierte, reflektierte und sozial starke junge Menschen. Sie bringen Fachlichkeit, technologische Kompetenz und ausgeprägte soziale Skills mit – eine Kombination, die gerade für die Zukunft von Beratung und Transformation entscheidend ist.
Wer zuversichtlich bleibt, behält seine Gestaltungskraft. Für mich ist das die einzige echte Alternative zum Stillstand.
